Zwischen Angst und Hoffnung Mursal und Susan Ahmady sind aus Kabul nach Aachen gekommen, um zu studieren
Am Ende wäre alles fast an zwei Paar weißen Socken gescheitert. „Wir mussten ins Gebäude der Universität, um eine Bescheinigung über unsere Prüfungsleistungen abzuholen“, erzählen Mursal und Susan Ahmady. „Das Gebäude wurde von den Taliban kontrolliert und alle Frauen mussten komplett schwarz gekleidet sein.“ Die beiden jungen Frauen trugen von Kopf bis Fuß Schwarz, nur für einen kurzen Augenblick blitzten die weißen Socken unter dem schwarzen Rock heraus. Es blieb bei einer ernsten Ermahnung, und mit den Dokumenten konnten die Schwestern das Stipendium erhalten, das sie dank der Unterstützung durch das Akademische Auslandsamt der FH schließlich von Kabul nach Aachen führte.
Seit dem letzten Wintersemester studieren die beiden jungen Frauen Philosophie, Literatur- und Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen. Im Gespräch erzählen sie, dass die Zustände in Afghanistan für Frauen unzumutbar geworden sind. Sie berichten von einem Klima der Angst, von Unterdrückung und Bedrohung.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Für Menschen wie Mursal und Susan Ahmady hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) das "Hilde Domin-Programm" für Stipendien eingerichtet, finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes (AA). Das Programm soll weltweit Studierende, denen in ihrem Herkunftsland das Recht auf Bildung und andere Grundrechte verweigert werden, darin unterstützen, ein Studium in Deutschland aufzunehmen oder fortzusetzen. Nathalie Kazma und Sarah Rossmann koordinieren beim Akademischen Auslandsamt der FH Aachen die Unterstützung für bedrohte Studierende. Sie betonen: "Es ist Teil unseres gesellschaftlichen Auftrags, jungen Menschen aus aller Welt den Zugang zu akademischer Bildung zu ermöglichen."
Mursal und Susan hatten in Kabul die Schule besucht und ein Germanistikstudium an der Universität Kabul aufgenommen. "Wir waren an der Uni, als die Taliban Kabul eingenommen haben", erzählen sie über die Geschehnisse im August 2021, "wir konnten es zuerst überhaupt nicht glauben." Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben, sie eilten nach Hause zu ihren Eltern und Geschwistern, um wenigstens die Gewissheit zu haben, dass alle wohlauf sind. Doch der Entschluss der beiden Schwestern stand fest: Sie wollten sich nicht der frauen- und bildungsfeindlichen Politik der Taliban unterwerfen, sondern stattdessen ihr Studium im Ausland fortsetzen.
Angst um die Freunde
"Über eine Facebookgruppe haben wir vom DAAD-Programm gehört und uns beworben", erzählen sie. Die Taliban hätten zu jener Zeit die Häuser vieler Menschen in Kabul durchsucht, "unsere Unterlagen haben wir in einem Anbau unter dem Brennholz versteckt." Als sie alle Dokumente beisammenhatten, bewarben sie sich, und über eine Liste des DAAD landeten die 23 und 22 Jahre alten Schwestern schließlich bei Nathalie Kazma und Sarah Rossmann. "Das erste Bewerbungsgespräch haben wir geführt, als die beiden noch in Kabul waren", berichtet Nathalie Kazma. Auch das geschah unter erschwerten Bedingungen – es gab nur wenige Stunden am Tag Strom in der afghanischen Hauptstadt, zudem brach die Internetverbindung immer wieder ab. Auch von anderen deutschen Hochschulen kam Unterstützung: "Ohne Birgit Kirchner von der Universität Augsburg und Dirk Schlegel von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena hätten wir es nicht geschafft", sagen die beiden Afghaninnen, "wir sind allen sehr dankbar, die uns geholfen haben."
Am Ende war die Bewerbung erfolgreich, und nicht einmal ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban kamen Mursal und Susan in Deutschland an. Zuerst machten sie einen Sprachkurs in Köln, der auch über das Hilde Domin-Programm finanziert wird; seit Oktober studieren sie im regulären Bachelorstudiengang an der RWTH. Dank ihrer sehr guten Deutschkenntnisse fällt ihnen die Eingewöhnung nicht allzu schwer, aber in ihren Köpfen und Herzen spielt die Situation in ihrer Heimat immer noch eine große Rolle. "Wir haben Angst um unsere Freunde in Kabul", berichten sie. Ihre Familie – die Eltern mit den fünf kleineren Geschwistern – ist nach Brasilien geflohen, sie kämpft dort darum, unter menschenwürdigen Umständen leben zu können. Fragt man sie nach ihren Zukunftsplänen, so leben Mursal und Susan Ahmady noch im Ungewissen. Zu viel hängt davon ab, wie sich die politische Situation in ihrem Heimatland entwickelt. Sie würden nach einem Machtwechsel gerne zurückkehren und beim Wiederaufbau demokratischer Strukturen und einer Zivilgesellschaft helfen – so wie Hilde Domin, die jüdische Schriftstellerin, die zwanzig Jahre im Exil verbrachte und die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland als "Dichterin der Rückkehr" berühmt wurde.
Infobox Hilde-Domin-Programm
Infobox Hilde-Domin-Programm
Langfristiges Ziel dieses Stipendienprogramms des DAAD ist es, den Studierenden ein Hochschulstudium in sicherer Umgebung zu ermöglichen, damit sie nach Abschluss des Studiums einen wichtigen Beitrag zur politischen, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Entwicklung in ihren Herkunftsländern leisten können. Alle MA- und PhD-Geförderten des Stipendienprogramms werden in einem gesellschaftswissenschaftlichen Begleitprogramm überfachlich weiterqualifiziert, um die Aussichten auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit und einen gesellschaftlichen Beitrag zu erhöhen.
Hilde Domin, geboren als Hildegard Dina Löwenstein am 27. Juli 1909 in Köln, war eine deutsche Schriftstellerin, Dichterin und Essayistin. Bekannt wurde Domin vor allem durch ihre Lyrik, die von ihrer Zeit im Exil und Heimatverlust geprägt ist. Die Dichterin jüdischen Glaubens erkannte bereits früh die politischen Entwicklungen in Deutschland und floh 1932 nach Italien. Domin verbrachte mehr als zwanzig Jahre ihres Lebens in verschiedenen Ländern, unter anderem in der Dominikanischen Republik, die ihre selbst gewählte Namensgeberin wurde. Nach ihrer Heimkehr aus dem Exil nach Deutschland wurde sie als „Dichterin der Rückkehr“ bekannt und erhielt für ihre Werke zahlreiche Ehrungen. Unter anderem wurde sie mit der Carl-Zuckmayer-Medaille, dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Domin verstarb im Alter von 96 Jahren am 22. Februar 2006 in Heidelberg.