Ein Ort, der bleibt Auf der Suche nach einer Zukunft für Morschenich-Alt
FH Aachen | Sascha Halabut
Zugewachsene Wege, menschenleere Straßen, zugemauerte Fenster und Türen. Vor einigen Jahren war der Ort Morschenich-Alt noch die Heimat von rund 500 Menschen, heute sind viele von ihnen in einen Neuort umgesiedelt und nur noch wenige Häuser bewohnt. Das in der Nähe des Braunkohletagebaus Hambach liegende Dorf im Kreis Düren sollte dem Bergbau zum Opfer fallen. Der Rodungsstopp für den nahe gelegenen Hambacher Forst als Folge von Massenprotesten rettete Morschenich-Alt vor dem Abriss und stellte die Gemeinde Merzenich, die Umsiedler:innen und die Bergbautreibenden mit der Leitentscheidung 2021 vor neue Herausforderungen. Wie geht es weiter mit diesem – laut dem LVR-Amt für Denkmalpflege – "typischen rheinischen Straßendorf"?
Die Situation in Morschenich-Alt ist einzigartig, und die Gemeinde möchte diese Symbolkraft nutzen, die Ortslage zu einem "Ort der Zukunft" zu entwickeln. Seit 2020 engagiert sich Prof. Isabel Maria Finkenberger, Professorin am Fachbereich Architektur der FH Aachen, mit ihrem Lehr- und Forschungsschwerpunkt "Zukunftsfähige Transformation" vor Ort, indem sie Strategien, Konzepte und Narrative entwickelt und Themen platziert, mit denen der Standort gemeinwohlorientiert und klimagerecht weiterentwickelt werden kann. Sie ist Expertin für Stadtplanung, Transformation und Prozessgestaltung und führte in den letzten Jahren viele Gespräche und Debatten mit dem Bürgermeister, seinem Team und zahlreichen Akteur:innen aus Planung, Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft.
Lebensalltag abbilden
"Im Rahmen meiner angewandten Forschungs- und Lehrtätigkeit suche ich Partnerschaften mit Kommunen, lokalen Akteur:innen, Initiativen sowie Institutionen und bearbeite gemeinsam mit meinen Studierenden Fragestellungen in Stadt-Land-Kontexten, die den Lebensalltag von Forschungsmitarbeiter:innen und den Menschen abbilden. Das gilt für Morschenich-Alt, aber auch für Orte wie Walheim, Imgenbroich oder den Aachener Stadtteil Driescher Hof." Über Analysen, partizipative Formate, Szenarien, forschende Entwürfe, Manifeste oder auch Interventionen erarbeiten die Studierenden konkret-räumliche Ideen, die sie mit Kooperationspartner:innen entwickeln.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
FH Aachen | Sascha Halabut
Pionier:innen des Wandels
Diese Praxisnähe ist Finkenberger besonders wichtig: "Viele Studierende kommen selbst aus der Region oder werden nach dem Studium hier leben und arbeiten. Auf diese Weise werden sie zu Pionier:innen des Wandels ausgebildet, die zukünftig über die Entwicklung innovativer Prozesse, ortsbezogener Konzepte und konkreter Planungen, Projekte und Architekturen wirk-sam werden – in einem hochdynamischen Umfeld, wo Transformation auf unterschiedlichen Maßstabs- und Zeitebenen verhandelt wird."
Radikales Denken und Planen
Die Situation in Morschenich-Alt findet sie besonders interessant: "Das liegt vor allem an der Einmaligkeit der Ausgangslage. Über tausend Hektar bereits verloren geglaubtes Land am Tagebau Hambach bleiben aufgrund des zivilgesellschaftlichen Engagements und der daraus resultierenden politischen Entscheidung für den Klimaschutz erhalten." Sobald der kommende Regionalplan eben dieses Land aus der bergbaulichen Festsetzung herausgenommen habe, müssten die veralteten Planungen neu und mit Blick auf die Herausforderungen der Energie- und Klima- krise weitergedacht werden. Auch könnten neue Instrumente wie beispielsweise eine Bodenpolitische Agenda oder ein Dynamischer Masterplan entwickelt oder prototypische Infrastrukturen, Projekte und Prozesse implementiert und auf ihre Übertragbarkeit auf andere Kontexte überprüft werden. "Außerdem befindet sich die historisch kleinteilig gewachsene Ortslage weitestgehend in einer Hand – das ermöglicht ein wesentlich radikaleres Denken und Planen als andernorts."
Temporäre Universität Hambach
Im Sommersemester 2023 war Prof. Finkenbergers Lehr- und Forschungsschwerpunkt mit drei Programmbausteinen an der Temporären Universität Hambach (TUH) beteiligt. Im Rahmen der interdisziplinären TUH sollen Konzepte für eine Zukunft nach dem Braunkohleabbau in der Region entwickelt und gleichzeitig neue Formen des Forschens und Lehrens etabliert werden. Sie wurde von der Transformationsplattform REVIERa der RWTH Aachen organisiert. Die Tagebauumfeldinitiative Neuland Hambach war Kooperationspartnerin, die Gemeinde Merzenich Gastgeberin und die Strukturwandelinitiative BioökonomieREVIER, das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte und die FH Aachen mit dem Lehr- und Forschungsschwerpunkt lokale Partner:innen.
FH Aachen | Sascha Halabut
FH Aachen | Sascha Halabut
Wissen direkt vor Ort zusammentragen
Gemeinsam mit der Gemeinde Merzenich und dem neu gegründeten Institute of Smart City Engineering der FH Aachen (ISCE) organisierten Finkenberger und ihr Team den Workshop "Ressource Boden trifft Zukunftsbild", bei dem mögliche zukunftsfähige, weitestgehend lokal verankerte und integrale Infrastrukturen für die prototypische Transformation von Morschenich-Alt diskutiert wurden. Außerdem fand das internationale Symposium "Kontext Bestand" statt. In einer ehemaligen Kita in Morschenich-Alt sprachen Vortragende aus Wissenschaft und Praxis mit den Gästen darüber, wie eine Umbaukultur aussehen kann, die wertschätzend den Bestand weiterdenkt, und welche Verantwortungsgemeinschaften es für eine solche Umsetzung braucht. "Ich komme aus dem Nachbardorf Niederzier und habe einen direkten Bezug zu Ort und Thema. Es ist wirklich schön, durch meine Mitarbeit einen kleinen Beitrag an der Weiterentwicklung dieses Dorfes leisten zu können", erklärt Mark Kochanowski. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Gero Ant moderierte er ein Panel des Symposiums. Beide schätzten den Umstand sehr, dass sie das Wissen von ganz unterschiedlichen Verantwortungsgemeinschaften direkt vor Ort zusammentragen konnten.
Neue Heimat
"Die FH Aachen ist stark in der Region verwurzelt, und ich kann mit meiner Arbeit einen Teil dazu beitragen, diese nachhaltig mit- und zukunftsfähig auszugestalten. Gerade die kleinen, personell und finanziell oft eingeschränkten Kommunen sind dankbar für den Input von uns. Am Ende ist es eine Win-win-Situation“, erklärt die Professorin und betont, dass das Engagement und die Arbeit ihrer Studierenden eng mit der Forschungsarbeit verschränkt sind.
Aktuell wird die Entwicklung des Ortes vorbereitet - der genaue Pfad ist jedoch noch offen. Prof. Finkenberger, ihr Forschungsteam und ihre Studierenden haben gemeinsam Wissen gesammelt und Vorschläge für die Transformation erarbeitet. Diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag für die Diskussion in Richtung einer neuen Heimat für eine neue Generation von Menschen. Heimat, mitgestaltet von Studierenden der FH Aachen.
Weitere Informationen
FH-Aachen
Prof. Dipl.-Ing.
Isabel Maria Finkenberger
Professorin
Lehrgebiet
Grundlagen der Stadtplanung, urbane Transformation und innovative ProzessgestaltungRaum 02110
Autor
FH-Aachen
Raum 05012
52066 Aachen