Der Balanceakt Wie Beruf und Familie sich unter einen Hut bringen lassen - oder auch nicht
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Für Mareike Jansen ist die Sache klar: "Wir als Eltern wollen allen Seiten gerecht werden. Wir üben unseren Job mit Herzblut und Engagement aus; wir versuchen, den Terminkalender der FH mit Terminen in der Schule, beim Kinderarzt und im Sportverein in Einklang zu bringen. Wir wollen die viel zitierte Balance zwischen Job und Familie schaffen – leider gelingt dies oft nicht.“ Und Familie ist ja noch mehr als Kinderbetreuung – die Pflege älterer, kranker Angehöriger gehört ebenso zum Thema.
"Da sitzen die gestressten, zerrissenen und manchmal auch verzweifelten Eltern vor dem Bildschirm, können doch wieder nur virtuell an Besprechungen teilnehmen und springen teilweise ohne Vorwarnung mitten im Gespräch auf, weil das Kind Hilfe braucht."
Die stellvertretende Vorsitzende des Personalrats wirbt vor allem für eines: gegenseitiges Verständnis. Sie ist selbst Mutter von zwei Kindern im Alter von 5 und 9 Jahren und kennt die Probleme, die auftreten. Das passiere in der Regel in den ungünstigsten Momenten: Frisch aus dem Urlaub zurück, gerade in den ersten Tagen nach Wiedereinstieg aus der Elternzeit oder an dem Tag, an dem ein wichtiger Termin in Präsenz geplant sei.
Vermischung der Lebensbereiche
Die Möglichkeit, zu Hause oder generell mobil zu arbeiten, war für viele Mitarbeitende mit Familie erst einmal eine große Erleichterung – ist es doch viel einfacher, unterschiedliche Belange miteinander zu vereinbaren, wenn die räumliche Trennung von Arbeitsplatz und Zuhause aufgehoben ist. Die Vermischung der Lebensbereiche ist aber auch mit Problemen verbunden. Viele Menschen legen Wert darauf, die Lebenssphären klar zu trennen. Wer an seiner Arbeits-stelle – im Büro, im Labor, in der Werkstatt – arbeitet, hat es leichter, auch mental Feierabend zu machen. Im Homeoffice ist die "Verlockung" größer, abends mal eben die Mails zu checken oder den Laptop schon beim Frühstück aufzuklappen, statt mit den Lieben zu reden.
Gegenseitige Rücksichtnahme
Eine Sache ist klar: Familie ist toll. Sie gibt Rückendeckung und Stabilität, hält jung, gibt dem Leben Sinn. Und sie macht die Menschen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen, zu wahren Improvisationskünstler:innen. In diesen Fällen ist die gegenseitige Rücksichtnahme wichtig, die Mareike Jansen sich wünscht: "Wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht, steckt mit 99-prozentiger Sicherheit keine böse Absicht dahinter", sagt sie und betont: "Mir hilft es oft, dass meine Kolleg:innen zu mir kommen und Verständnis zeigen. Dieser Lichtstrahl ist das, was meine Arbeit noch lebens- und liebenswerter macht. Ich danke all meinen direkten und indirekten Kolleg:innen für diese offene Haltung!"
Eltern im Spagat Arbeit-Familie
von Mareike Jansen
Dieser Tage saß ich beim Frisör. Da meine Frisörin krank war, schnitt mir die Inhaberin die Haare, mit ihrem 4 Wochen alten Baby in der Trage vor dem Bauch. Im Gespräch wurde klar, dass sie einfach keine Mitarbeiter:innen bekommt um den Schwung an Kund:innen zufriedenstellend zu bedienen. Also sprang sie aus ihrem Mutterschutz heraus ein. So wie sie es erzählte, klang es völlig selbstverständlich. Toll! Da habe ich an uns hier an der FH gedacht und die verschiedenen Situationen, in denen Eltern den Spagat zwischen Familie und Job meistern.
Klar, als Folge der Pandemie hat sich auch bei uns viel getan. Homeoffice wird seit dem ersten Lock-Down deutlich weniger in Frage gestellt, und die Hochschule bezeichnet sich als familienfreundlich. Aber wenn ich mal so links und rechts gucke, habe ich manchmal das Gefühl, dass Kinder doch noch als „notwendiges Übel“ betrachtet werden. Gerade die Kleinsten werden häufig krank und fallen gerne jede Woche wieder mit jeweils einem neuen Infekt aus. Da sitzen die gestressten, zerrissenen und manchmal auch verzweifelten Eltern vor dem Bildschirm, können doch wieder nur virtuell an Besprechungen teilnehmen und springen teilweise ohne Vorwarnung mitten im Gespräch auf, weil das Kind Hilfe braucht. Ja, das passiert leider immer in den ungünstigsten Momenten: Frisch aus dem Urlaub zurück, gerade in den ersten Tagen nach Wiedereinstieg aus der Elternzeit oder an dem Tag, an dem ein wichtiger Termin in Präsenz geplant ist.
Wir als Eltern wollen im Zweifel allen Seiten gerecht werden. Wir üben unseren Job mit Herzblut und Engagement aus; und es ist auch für uns total doof, wenn wir an diesen simplen Punkten verzweifeln. Wir versuchen, den Terminkalender der FH mit Terminen in der Schule, beim Kinderarzt und im Sportverein in Einklang zu bringen. Wir wollen die viel zitierte Balance zwischen Job und Familie schaffen - leider gelingt dies oft nicht.
Auch wird die Familienfreundlichkeit bei Kleinkindern den realen Lebensumständen oft nicht gerecht. Laut Zertifikat dürfen Besprechungen bis 17 Uhr gehen. Allerdings schließen die allermeisten Kitas und Schulbetreuungen um 16 Uhr - ein klares Defizit im Karriere-Run bei Eltern, die an diesen Tagen entweder Betreuungswunder vollbringen müssen oder schlichtweg nicht können.
Ich möchte hier nicht aufführen, inwieweit Frauen mehr von der Situation betroffen sind als Männer, das ist mir in erster Linie egal. Ich möchte auch nicht, dass sich ab sofort zukünftig immer alles um den privaten Terminkalender der Eltern dreht. Was ich mit diesen Zeilen erreichen möchte, ist ein stärkeres Verständnis der Kollegenschaft und der Vorgesetzen. Wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht, steckt mit 99-prozentiger Sicherheit keine böse Absicht dahinter.
Mir hilft es oft, dass meine Kolleg:innen zu mir kommen und sagen: „Hey, das hab ich auch schon hinter mir - ich verstehe dich!“ oder „Kein Problem, ich vertrete dich gerne und helfe dir“ oder ein ganz banales: „Ich kann deine Situation nachempfinden – es ist ok!“ Dieses zugewandte Verhalten führt zu Wertschätzung, fördert die Motivation, lässt einen in dem ganzen Chaos nicht völlig untergehen. Dieser Lichtstrahl ist das, was meine Arbeit noch lebens- und liebenswerter macht. Ich danke all meinen direkten und indirekten Kolleg:innen für diese offene Haltung! So macht das Leben und Arbeiten hier an der FH Spaß. Ich wünsche uns allen ein ähnlich tolles Team.