Der Aufblühende FH-Student Linus-Floris Hören über seine Transidentität

Wenn Linus-Floris Hören durch den Ferberpark läuft, zweifelt niemand daran, dass er ein Mann ist. Doch das war – zumindest äußerlich – nicht immer so. Denn Linus-Floris wurde im Körper einer Frau geboren. Der FH-Student, der Angewandte Mathematik und Informatik studiert und gleichzeitig eine Ausbildung zum  technischen Softwareentwickler (MATSE-Ausbildung) macht, erzählt von seinem Weg zu sich selbst.

"Ich war nicht ich."

"Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich ein Junge bin. Ich habe es schon immer gewusst", erinnert er sich, während er an seiner Cola nippt. "In der Grundschule war alles noch in Ordnung, in diesem Alter spielen Unterschiede noch keine große Rolle.“ Aber als die Pubertät kommt, zweifelt der gebürtige Erkelenzer an seinem Geschlecht. "Die Brüste wachsen, man bekommt seine Periode – das war nicht meins. Aber ich meinte begreifen zu müssen, dass dies mein Schicksal sei und ich mich damit abfinden müsse." Linus begann, seine Statur zu verstecken, seine Kurven wegzuhungern, und rutschte in eine Essstörung. "Die äußere Hülle spiegelte nicht das wider, was ich innerlich fühlte", erzählt Linus. Er stockt: "Ich war nicht ich." Als Linus seinen Eltern von seiner Entscheidung erzählte, war das für sie zunächst nicht leicht zu akzeptieren. Der Kontakt wird jedoch trotz einiger Diskrepanzen bis heute aufrechterhalten.

 

Der Wunsch nach einer neuen Identität

Für Linus nimmt damals der seelische Ballast von Jahr zu Jahr zu. Er wird einsamer und schottet sich von der Außenwelt ab. "Ich habe sehr zurückgezogen gelebt und für mich akzeptiert, allein zu sein", erzählt er. "Ich hatte immer den Drang, mich selbst zu finden", erinnert sich Linus. Kraft gibt dem studierten Instrumentalpädagogen in dieser Zeit vor allem das Spielen klassischer Musik, am Klavier und auf der Geige. 2011 startet er seine Hormontherapie. Er bekommt kantigere Züge und ein Dreivierteljahr später kommt der erste Bartwuchs. Linus durchlebt eine zweite Pubertät. "Die Veränderungen an sich festzustellen war ein tolles Gefühl. Ich hatte anfangs Bedenken, dass sich nicht genügend ändern könnte. Aber das war unbegründet. Nach einiger Zeit erkennen dich die Leute nicht wieder – und das ist auch gut so; denn die weibliche Hülle soll nicht mehr sein." Heute ist Linus mit seinem Spiegelbild zufrieden. Trotzdem fühlt sich die Transformation an wie ein Abschied – ein schöner Abschied: "Ein Kapitel endet, ein neues fängt an. Man kann sich neu erfinden, einen Neustart machen." Seine Border-Collie-Dame Bandu, Tibetisch für "Freund", begleitete den Studenten bei seinem Neustart. "Bandu ist theoretisch genauso alt wie ich", lacht Linus. "Sie gibt mir Kraft und das Gefühl, für jemanden da sein zu können."

 

Hoffnung und Mut

Durch die körperlichen Veränderungen schöpft Linus wieder Hoffnung und Mut zu leben. Er beginnt nach seiner Selbstständigkeit als Musiklehrer ein weiteres Studium. An der Hochschule erzählt er niemandem von seiner Geschlechtsangleichung. Auch auf der Arbeit soll niemand etwas erfahren – aus Angst vor Ausgrenzung. "Ich binde es niemandem auf die Nase. Lediglich bei Kontakten, die enger werden, gibt es irgendwann den Zeitpunkt, an dem ich davon erzähle." Als er dem WDR ein Interview gibt, bekommen seine Mitstudierenden und Arbeitskolleg:innen mit, dass "Linus" nicht immer sein Vorname war. "Als sie den Bericht gesehen haben, haben sie viele Fragen gestellt. Zum Beispiel, ob ich jetzt schwul oder lesbisch bin." Und was antwortet der 37-Jährige dann? "Ich antworte immer: Meine Geschlechtsangleichung hat absolut nichts mit meiner sexuellen Ausrichtung zu tun. Sie ändert sich auch nicht, nur weil ich nun auch äußerlich ein Mann bin. Ich möchte wie jeder Mensch eine Person im Leben finden, die ich und die mich mag – egal auf welchem Ende des Regenbogens sie sich befindet." Auch wenn viele neugierig waren, anders oder gar negativ hat ihn niemand behandelt.

 

Ein neuer Name mit Bedeutung

Ein besonders schöner Moment war, als Linus sich seinen neuen, männlichen Namen aussuchen durfte. Er wünschte sich vor allem einen internationalen Namen, der zu ihm passt. "‚Linus‘ bedeutet ‚der Leidende‘", erklärt er. "Aber das war mir als alleiniger Vorname zu negativ. Daher habe ich noch Floris hinzugenommen. Das bedeutet ‚der Aufblühende‘." Und aufgeblüht ist der 37-Jährige seit seiner Geschlechtsangleichung tatsächlich: "Seitdem ich auch äußerlich ein Mann geworden bin, trage ich meinen Frohsinn auch wieder nach außen", erklärt Linus. "Früher habe ich versucht, nicht aufzufallen. Jetzt muss ich mich nicht mehr verstellen oder verstecken. Ich kann jetzt zu mir selbst stehen, ich selbst sein – denn ich bin bei mir angekommen."

Autorin

Schreyer, Nina M.A.

Ehemalige Volontärin
Presse-, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing
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