Wissenstransfer für den Mittelstand FH-Alumni entwickeln eine App, die nachhaltiges Wissensmanagement in Unternehmen ermöglicht; wertvolles Netzwerk im Gründungszentrum
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Viele Maschinen verlieren ihren Nutzwert, wenn es niemanden (mehr) gibt, der sie zu bedienen weiß. Zahlreiche mittelständische Unternehmen in Industrie und Handwerk stehen vor einer großen Herausforderung: Altgediente und erfahrene Mitarbeitende gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, und die Unternehmen müssen einen Weg finden, das praktische Wissen dieser ausscheidenden Kolleg:innen zu erfassen, zu bewahren und für die Folgejahre nutzbar zu machen.
Die drei FH-Alumni Lara Nawrath, Marius Giese und Julian Becker entwickeln ein Angebot, das eine Lösung für dieses Problem bietet: Mit ihrem Start-up bluvero möchten sie ein Produkt auf den Markt bringen, das die Grundlage für ein nachhaltiges Wissensmanagement schafft – und zwar indem es eine Softwareplattform, die nötige Hardware und den Service miteinander verbindet.
“Gerade bei kleinen Maschinenbauunternehmen kommt es häufig vor, dass Produktionsprozesse seit Jahren eingespielt sind”, sagt Marius Giese, “da steht ein Mitarbeiter an einer Maschine, der das seit Langem macht und jeden Handgriff kennt.” Oftmals seien die einzelnen Arbeitsschritte und Besonderheiten nicht dokumentiert. “Der Mitarbeiter sagt oft: ‚Ich mache das seit vierzig Jahren, so schwer kann das doch nicht sein.‘”
Offene Plattform
Gerade diese praktischen Abläufe möchte das Start-up-Team erfassen: Zum Einsatz kommt dafür eine sogenannte Bodycam, also eine kleine Kamera, die auf Brusthöhe montiert wird. Sie filmt den Arbeitsalltag und kann darüber hinaus Töne aufnehmen – also etwa, wenn der Mitarbeitende an der Maschine jemandem erklärt, was er gerade tut. Diese Videorohdaten sollen mithilfe künstlicher Intelligenz bearbeitet und optimiert werden. Eine App stellt sie schließlich auf unterschiedlichen Endgeräten zur Verfügung. “Denkbar ist, dass an der Maschine ein Aufkleber mit einem QR-Code angebracht wird”, erläutert Lara Nawrath. Man erfasst den Code mit dem Handy und kann sich sofort das entsprechende Video ansehen. Das Produkt von bluvero ist aber mehr als eine digitale Betriebsanleitung. “Wir entwickeln eine offene Plattform. Die Videos können etwa mit Fotos oder Quizelementen verknüpft werden”, sagt Julian Becker.
Die primäre Zielgruppe des Start-up-Teams sind mittelständische Unternehmen aus Industrie und Handwerk, aber auch andere Einsatzszenarien sind denkbar. “Es gibt Hersteller im Sondermaschinenbau, bei denen jedes Produkt ein Einzelstück ist”, sagt Marius Giese. Sie könnten die bluvero-App nutzen, um ihre Kundschaft direkt bei Auslieferung mit der Bedienung der neuen Maschine vertraut zu machen. Auch im Bildungs- und Netzwerksektor ist ein Einsatz vorstellbar, etwa in Kooperation mit Handwerks- und Industrieverbänden. "Das Besondere an unserem Angebot ist, dass wir nach dem Baukastenprinzip arbeiten und den Umfang für unsere Kunden maßschneidern können", betonen die drei Alumni. Das könne sich auf die Produktion der Videos und die Installation der Wissensplattform beschränken, aber auch “Rundum-sorglos-Pakete” mit Beratung und Service seien möglich, etwa in einem Abomodell. Die Plattform könne auf diese Weise zu einem Kommunikationswerkzeug werden.
Breite Wissensbasis
Bei ihrem Vorhaben kommt den drei FH-Alumni entgegen, dass sie sich an der Hochschule eine breite Wissensbasis angeeignet haben. Lara Nawrath machte ihren Bachelor in Media and Communications for Digital Business, Marius Giese hat einen Master in Industrial Engineering und zusätzlich den MBA Management und Entrepreneurship. Julian Becker ist gerade dabei, seine Bachelorarbeit zu schreiben, er studiert Informatik.
Kennengelernt haben sie sich bei der gemeinsamen Arbeit am Gründungszentrum der FH Aachen. “Der interdisziplinäre Austausch mit anderen Start-up-Teams hat uns sehr geholfen”, erzählen sie. Im Gründungszentrum herrsche eine produktive Arbeitsatmosphäre, zudem gebe es gute Beratungsangebote. Dadurch schafften sie es auch, eine Start-up-Förderung für ihr Projekt zu erhalten. Ein weiterer Vorteil sei, dass es eine enge Verknüpfung mit Lehre und Forschung gebe, unter anderem in den Bereichen Wirtschaftsrecht, Informatik und Maschinenbau.
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