Das Gedächtnis der FH Aachen Im Archiv der FH Aachen arbeitet Dr. Bettina Frindt mit der Vergangenheit und blickt in die Zukunft
1,4 Kilometer. 1,4 Kilometer entsprechen etwa der Luftlinie vom Hauptgebäude der FH Aachen in der Bayernallee bis zum Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik in der Goethestraße. Würde man von hier aus nun weitere 1,4 Kilometer weiter nördlich fliegen, befände man sich direkt vor dem Rathaus im Zentrum von Aachen. Reihte man alle für das Archivgut genutzten Regalmeter des Archivs der FH Aachen aneinander, ergäbe sich ebenfalls eine Strecke von 1,4 Kilometern. 1,4 Kilometer FH-Geschichte.
FH Aachen | Julia Marcussen
Dr. Bettina Frindt holt einen alten Hefter hervor. Über die dünnen Seiten erstrecken sich große Tabellen und lange Auflistungen. In verblichener Tinte sind die Zeilen und Spalten fein säuberlich beschriftet und ausgefüllt. Die Buchstaben lesen, das können die meisten Menschen vermutlich nicht mehr. Es handelt sich um Sütterlinschrift, eine Schrift, die Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelt und bis 1941 offiziell verwendet wurde. Mit der Lupe in der Hand vergrößert Bettina Frindt die aus heutiger Sicht ungewohnt geschwungenen Schriftzeichen, die sie durch ihre Arbeit im Archiv problemlos entziffern kann.
„‚Buchungssatz‘ steht hier. Das sind Auflistungen zur Buchhaltung“, liest die wissenschaftliche Archivarin. Doch für Frindt handelt es sich bei den Tabellen und Auflistungen um weitaus mehr als nur bloße Buchführung aus dem letzten Jahrhundert. „Diese ganzen Daten und Zahlen, die stehen für noch vieles mehr. Anhand von Dokumenten wie diesen erfährt man, dass verwaltungsinterne Anforderungen an funktionierende Bildungseinrichtungen damals gar nicht so anders waren als jetzt, oder aber, welch herbe Einschnitte diese durch historische Ereignisse wie etwa den 2. Weltkrieg erfuhren“, erklärt sie.
Sichten. Bewerten. Erschließen.
Mit diesen drei Worten fasst Frindt ihre Arbeit im Archiv der FH zusammen. Neben rechtsverbindlichen Unterlagen, wie etwa Personal- und Studierendenakten, und den im Dokumentationsprofil niedergelegten Bestandskategorien gelangt manchmal auch die eine oder andere Besonderheit in ihre Hände. Einige Dokumente und Fotografien sind mittlerweile über hundert Jahre alt. Sie stammen noch aus den Königlichen, später Staatlichen Ingenieurschulen und der Werkkunstschule der Stadt Aachen, die 1971 in der neu gegründeten FH Aachen zusammengeführt wurden. Als archivwürdig werden nach dem Gesetz über Sicherung und Nutzung öffentlichen Archivguts im Lande Nordrhein-Westfalen (ArchivG NRW) Unterlagen bezeichnet, denen ein „bleibender Wert“ etwa für Forschung oder auch Institutionen zukommt. Was dauerhaft erhalten bleibt, entscheidet jedes Archiv anhand des Dokumentationsprofils selbst. „Die Historie der FH Aachen zukunftsorientiert mit Schrift-, Bild- und Tondokumenten analog und zunehmend digital belegen und dokumentieren zu können, das ist es, was mir Spaß macht“, erklärt die promovierte Kunsthistorikerin. An manchen Regalen hängen nun auch T-Shirts und Jutebeutel mit ehemaligen Logos der FH Aachen, die einst als erste Merchandiseprodukte erhältlich waren, nun jedoch ebenfalls als historische Gegenstände in den Bestand des Archivs übergegangen sind.
FH Aachen | Julia Marcussen
FH Aachen | Julia Marcussen
"Wir müssen an die Menschen denken, die in 100 Jahren leben"
Durch die Arbeit im Archiv der FH Aachen hätte sie ein weitaus differenzierteres Bild von Hochschulgeschichte bekommen, erzählt Frindt. „Die historischen Originaldokumente lassen immer wieder erkennen, dass gewisse Arbeitsabläufe und Entscheidungsvorgänge den heutigen weithin ähneln, auch wenn man aus dem analogen in das digitale Zeitalter wechselt. Gebäude, Lehrpläne, Prüfungsordnungen etwa ändern sich zwar, die individuellen Geschichten der Menschen, die an der FH Aachen tätig sind oder hier studieren, weisen aber durchaus Parallelen zu früheren Zeiten auf.“ Doch auch wenn sie sich in ihrer Arbeit mit der Vergangenheit beschäftigt, so liegt Frindts Fokus grundsätzlich auch auf der Zukunft: „Wir müssen an die Menschen denken, die in hundert Jahren leben. Wir müssen uns fragen, welche Informationen zur FH Aachen sie über welche Medien zur Verfügung haben sollen. Dies betrifft zunehmend den archivischen Umgang mit digital erstellten Dokumenten, die ja auch in der etwas ferneren Zukunft noch lesbar sein sollen.“
FH Aachen | Julia Marcussen
Sortieren. Etikettieren. Einordnen.
Sollte man dem Archiv einen Besuch abstatten, kann es schon einmal vorkommen, dass man selbst kurz mit anpackt. Denn die endgültig bearbeiteten Archivschachteln sind schwer, die Treppen steil und manchmal haben die historischen Dokumente Übergröße. Mit Tragetaschen in der Hand geht es vom Büro zwei Stockwerke hinab. Erst durch ein paar Türen, dann ein paar lange Gänge entlang, bis man schließlich auf zwei große Stahltüren des Magazins trifft. Bis unter die Decke reichen dort die hohen Regale, gefüllt mit den sorgfältig beschrifteten Archivschachteln. In den Ecken summen Luftentfeuchter, die die Bestandserhaltung der Dokumente unterstützen.
Struktur und Organisation sind die Kernelemente eines Archivs – umso komplexer wird die Herausforderung, wenn es umziehen muss. Einst befand sich in den Räumen der Gebäude am Boxgraben 98 bis 100 die Staatliche Ingenieurschule für Textilwesen. Seit 1980 lernen Studierende dort im Fachbereich Gestaltung modernes Kommunikations- und Produktdesign. Damit auch in Zukunft eine hochwertige Lehre und Forschung in dem etwa 140 Jahre alten Gebäude garantiert werden kann, muss es nach modernen Standards der Nachhaltigkeit sowie der Barrierefreiheit kernsaniert werden. Für die Büros und Labore des Fachbereichs Luft- und Raumfahrttechnik, die sich noch hier befinden, steht der Umzug ebenfalls an. In Zukunft wird der Fachbereich Gestaltung samt seinen Werkstätten als Interimslösung beim Technologiezentrum am Europaplatz untergebracht werden, während es für Bettina Frindt und das Archiv der FH Aachen zeitweise in Räume an der Robert-Schuman-Straße geht. Kein einfaches Unterfangen, das nur mit spezialisierten Umzugsunternehmen realisiert werden kann, denn die mit den sorgfältig erschlossenen Dokumenten bestückten, 1,4 Kilometer umfassenden Regalmeter dürfen nicht durcheinandergeraten. Einige Zeit wird es dauern und einige weitere Meter wird der Bestand des Archivs wohl wachsen, bis alles wieder an seinen alten Standort zurückfinden wird.
Autorin
Marcussen, Julia B.A.
Ehem. Volontärin52066 Aachen