Der Mensch entscheidet Interview mit Prof. Dr. Alexander Ferrein und Joschua Schulte-Tigges
FH Aachen | Arnd Gottschalk
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An der FH Aachen wird der Einsatz innovativer Technologien in Unternehmen erforscht. Prof. Dr. Alexander Ferrein (Bild links) und Joschua Schulte-Tigges erklären im Interview, was heute schon möglich ist – und wo es noch hakt.
Das Thema künstliche Intelligenz (KI) wird gerade heiß diskutiert. Herr Professor Ferrein, Sie erforschen mit Ihrem Team, wie Unterneh-men KI einsetzen. Wie ist Ihre aktuelle Einschätzung?
Ferrein: Bei uns laufen aktuell zwei große Forschungsprojekte, die sich mit der Frage beschäftigen. Wir wollen herausfinden, welche Voraussetzungen für den Einsatz von KI und Industrie 4.0 in Unternehmen nötig sind und welche Auswirkungen sich auf Arbeitsprozesse ergeben. Generell reden wir aber lieber von innovativen Technologien, weil wir von einem Einsatz künstlicher Intelligenz im engeren Sinne noch weit entfernt sind.
Warum ist das so?
Ferrein: Das, was wir im Augenblick sehen, ist nicht viel mehr als angewandte Statistik. Große Datenmengen werden in hoher Geschwindigkeit verarbeitet, um Vorhersagen zu treffen und Empfehlungen abzugeben. Wir sprechen da von Regressions- und Klassifikationsverfahren. Was die zugrunde liegenden Algorithmen angeht, sind wir im Grunde nicht viel weiter als 1980.
Schulte-Tigges: KI ist im Augenblick ein Buzzword. Viele Firmen haben das Gefühl, sie müssten dabei sein und mitmachen, aber kaum jemand weiß, wie das konkret gelingen kann.
Aber mit einer guten Datenanalyse wäre den Unternehmen doch auch geholfen, oder?
Ferrein: Ja, natürlich. Das Problem ist nur: Dafür brauche ich gute, belastbare Daten. Viele Unternehmen tun sich schwer damit, ihre Prozesse zu erfassen und auszuwerten. Gerade bei alteingesessenen mittelständischen Unternehmen haben wir es oft mit bewährten Abläufen zu tun, die in der Praxis gut funktionieren, aber schwierig in Zahlen zu fassen sind und deren Eingaben/Grundlagen häufig auch noch nicht digitalisiert sind. Wenn Sie das einführen wollen, müssen Sie ans Eingemachte gehen.
Schulte-Tigges: Zu unserer Arbeit gehört eine Be-standsaufnahme. Wir gehen in die Unternehmen, um den Istzustand und die Bedarfe zu erfassen. Das reicht von kleinen Handwerksbetrieben bis zu weltweit operierenden Aktiengesellschaften. Wir erstellen eine Methodenlandkarte, mit der wir darstellen können, welche Methode für welches Problem geeignet ist.
Ferrein: Dabei zeigt sich: Der Einsatz innovativer Technologien in Unternehmen muss individuell angepasst werden. Eine Lösung von der Stange gibt es nicht.
Wo liegen für Unternehmen die Haupteinsatzbereiche moderner Technologien?
Ferrein: Es geht um alle Bereiche, die mit Planung und Koordination zu tun haben. Gute Beispiele sind die Personaleinsatzplanung, Materialbewirtschaftung, Wartung von Maschinen, Logistik und Wissensmanagement.
Schulte-Tigges: Wenn es um Wissensmanagement geht, haben zahlreiche Unternehmen das Problem, dass Mitarbeitende, die in den Ruhestand gehen, viel Erfahrungswissen mitnehmen. Wir erforschen zum Beispiel, ob man Augmented-Reality-Brillen einsetzen kann, um die Bedienschritte an einer Maschine zu erfassen. So könnte dieses Erfahrungswissen digitalisiert und an neue Mitarbeitende weitergegeben werden.
Ferrein: Der Faktor Mensch ist entscheidend. Die meisten Mitarbeitenden in der Produktion wissen sehr gut, was sie tun, aber oftmals ist das intuitiv – sie handeln aus langjähriger Erfahrung heraus. Innovative Technologien können Empfehlungen aussprechen und auf diese Weise mehr Sicherheit und Verlässlichkeit schaffen.
Wie reagieren die Menschen, wenn es um den Einsatz von KI an ihrem Arbeitsplatz geht?
Ferrein: Zwei Sachen sind aus unserer Sicht wichtig. Zum einen sind es immer die Menschen, die letzten Endes die Entscheidungen treffen. Innovative Technologien können assistieren, aber man darf ihnen nicht blind vertrauen. Zum anderen geht es nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern einen Mehrwert zu bieten. Wer weniger Zeit mit der Erfüllung monotoner Aufgaben verbringt, kann kreativer und produktiver arbeiten.
Schulte-Tigges: Nehmen Sie als Beispiel die Erstellung von Computercode. Das kann man einfach an Program-me wie ChatGPT auslagern. Es muss aber von einer Person gesteuert werden, die gut programmieren kann und die am Ende die Funktion des Codes prüft.
Ferrein: Die Akzeptanzfrage betrifft alle Ebenen in den Unternehmen – die Geschäftsführung und das mittlere Management genauso wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die am Band stehen. Akzeptanz kann nur wachsen, wenn alle Beteiligten verstehen, was da abläuft. Wir brauchen mehr KI-Kompetenz.
Schulte-Tigges: Aus diesem Grund sind Schulungen auch ein wichtiger Bestandteil der beiden Forschungs-programme.
Bei den beiden Projekten sind viele Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen beteiligt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Ferrein: Wir sind als MASKOR-Institut stolz darauf, unsere Expertise in den Bereichen KI und Industrie 4.0 einbringen zu können. Das ist eine große Aufgabe, aber auch eine Auszeichnung für die Arbeit unseres Teams. In beiden Projekten arbeiten wir interdisziplinär, und gerade aus der Zusammenarbeit der Ingenieurwissenschaften mit der Arbeitswissenschaft und der Soziologie ergeben sich spannende Fragestellungen. Wir lernen sehr viel in diesen Projekten.
Können Sie aus der bisherigen Arbeit schon Tendenzen für die weitere Entwicklung absehen, etwa im Bereich KI?
Ferrein: Im Augenblick wird der Markt von den großen Technologiekonzernen dominiert. Gerade wir als Hochschulen müssen uns dafür starkmachen, die Spielregeln so zu gestalten, dass die Entwicklung zum Wohle der Menschen verläuft.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Zusatzinformationen
Gefördert vom BMBF
Die FH Aachen ist als Forschungspartner an den Projekten "Wirtschaftlichen Wandel in der rheinischen Textil- und Kohleregion mit Künstlicher Intelligenz gemeinsam gestalten (WIRKsam)" und "Arbeitswissenschaftliches Kompetenzzentrum für Erwerbsarbeit in der Industrie 4.0 in der Region Aachen (AKzentE4.0)" beteiligt, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit insgesamt rund 25 Millionen Euro gefördert werden. Die beiden Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind Teil des BMBF-Programms "Zukunft der Wertschöpfung – Forschung zu Produktion, Dienstleistung und Arbeit". Den Aufbau von insgesamt acht regionalen Kompetenzzentren der Arbeitsforschung finanziert das BMBF mit 116 Millionen Euro bis zum Jahr 2027.
Regressionsanalyse
Die Regressionsanalyse kommt bei statistischen Analyseverfahren zum Einsatz. Es geht darum, Beziehungen zwischen einer abhängigen und einer oder mehreren unabhängigen Variablen zu modellieren. Regressionen werden verwendet, um Zusammenhänge quantitativ zu beschreiben oder Werte der abhängigen Variablen zu prognosti-zieren. Die Regressionsanalyse wird häufig für Schätzungen und Vorhersagen verwendet. Sind die Vorhersagen nicht auf einem kontinuierlichen Intervall zu treffen, das heißt, sollen die Daten einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden (z. B. Hund, Katze, Maus), spricht man von Klassifikation.
Empfehlungssystem
Ein Empfehlungssystem (englisch „recommender system“) ist ein Softwaresystem, das Vorhersagen trifft, wie stark das Interesse von Nutzenden an einem Objekt ist, um ihnen genau die Objekte aus der Menge aller vorhandenen Objekte zu emp-fehlen, für die sie sich wahrscheinlich am meisten interessieren. Typische Objekte eines Empfeh-lungsdienstes sind zum Beispiel Produkte eines Webshops, Musikstücke oder Filme. Ein Empfeh-lungsdienst soll zur Bewältigung der Informa-tionsüberflutung beitragen. Die Technologie kann auch eingesetzt werden, um Arbeiter:innen in industriellen Produktionsprozessen Hilfestellungen zu geben („decision support systems“).