Lernen heißt ausprobieren Hochschule braucht Begegnung: Warum die FH auf neue Lehr- und Lernformate setzt – und wie das in der Praxis aussieht
FH Aachen | Arnd Gottschalk
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“Gutes Lernen braucht echte Begegnung.” Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt Prof. Dr. Miriam Barnat, Leiterin des Zentrums für Hochschuldidaktik und Qualitätsentwicklung (ZHQ) der FH Aachen, Konzepte für die Lehre der Zukunft. Für sie ist klar, dass Hochschulen neue Lehr- und Lernformate entwickeln müssen, und zwar als “Ausdruck einer Überzeugung”, wie sie sagt. Präsenzstudium sei keineswegs altmodisch, sondern hochaktuell.
Prof. Dr. Josef Rosenkranz, Prorektor für Studium, Lehre und Internationales, betont: “Studien zeigen eindeutig: Studierende, die regelmäßig in die Hochschule kommen, bestehen ihre Prüfungen deutlich häufiger.” Und dennoch beobachteten alle Lehrenden denselben Trend – die Hörsäle werden leerer. Seine Vermutung: „Vielleicht liegt das daran, dass wir noch immer zu sehr am Modell der Vorlesung festhalten.“ Neue, innovative Konzepte seien gefragt.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Lernen in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) funktioniert. Wissen ist im Überfluss vorhanden. Das Internet kennt auf jede Frage eine Antwort, überall und jederzeit. Wie aber kann dieses Wissen in die praktische Anwendung kommen? Wie können Studierende Sachverhalte einschätzen und einordnen? Und welche Rolle spielen Hochschulen dabei?
Ausprobieren, Fehler machen, erneut versuchen
Miriam Barnat betont: “Natürlich gehört Rezeption zu jedem Lernprozess, also zuhören oder lesen. Aber das ist nur der Anfang. Der entscheidende Teil des Lernens beginnt danach: Inhalte verarbeiten, mit Vorwissen verknüpfen, ausprobieren, diskutieren, Fehler machen und erneut versuchen. Genau das braucht Raum, Zeit und vor allem Interaktion.” Und das funktioniere am besten im direkten Austausch: Lehrende, die nicht nur reden, sondern auch zuhören; Studierende, die nicht nur konsumieren, sondern mitgestalten. Digitale Tools könnten solche Interaktion unterstützen, aber in Präsenz sei sie leichter, direkter und wirkungsvoller.
Präsenz neu denken, Interaktion fördern, digitale Tools einbinden – wie kann das konkret aussehen? In den Ingenieurwissenschaften werden klassische Vorlesungen durch kurze Arbeitsphasen unterbrochen, in denen Studierende in Kleingruppen Probleme lösen und ihre Ansätze mit den Lehrenden diskutieren. Lehrende nutzen digitale Umfragen als Live-Voting oder Online-in-Präsenz-Lehrveranstaltungsfeedback, um Meinungen, Fragen und Verständnisstände sichtbar zu machen – und damit den Einstieg in eine echte Diskussion zu öffnen. Studierende diskutieren Fallbeispiele aus der Praxis gemeinsam mit den Lehrenden – und lernen so, Wissen in Handeln zu übersetzen.
KI-unterstütztes forschendes Lernen im Labor
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Am Fachbereich Chemie und Biotechnologie setzt der Fachlehrende Christoph Horst einen KI-Tutor bei der Betreuung der Studierenden ein – inklusive Dialogoption. Das Tool bietet allerdings keine fertigen Lösungen, sondern quasi ein Gerüst für die Studierenden. Die Idee steht unter dem Motto “Forschendes Lernen”; sie soll die Studierenden unterstützen, ihre Neugier in die richtigen Bahnen zu lenken und einen Einstieg in die praktische Forschung zu finden. Auch bei der Formulierung von Forschungsfragen hilft ein KI-Tool – die Studierenden bekommen eine erste Einschätzung, ob die passenden Experimente mit der Ausstattung des Fachbereichs umsetzbar sind und was dafür benötigt wird. Entwickelt hat Christoph Horst das Format gemeinsam mit Laborleiter Prof. Dr. Jost Seibler.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften. Ein sogenannter Tutor-Bot strukturiert Aufgaben und Rollen in Projekten. In Präsenzsitzungen haben Studierende die Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, Konflikte zu moderieren und sich kritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen. So können sie sich mit den Themen Teamdynamik, Verantwortungsübernahme, Moderations- und Verhandlungskompetenz vertraut machen. Für Miriam Barnat ist klar: “Digitale Tools entfalten ihren didaktischen Mehrwert dann, wenn sie nicht für sich stehen, sondern Präsenzräume erweitern.”
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Präsenz als Leitidee im Framework
Seit mehreren Jahren arbeitet die FH daran, einen Rahmen für die Entwicklung guter Lehre zu schaffen – das sogenannte Framework. Ein zentrales Ziel ist, die Dimensionen Nachhaltigkeit, Internationalisierung, Digitalisierung, Interdisziplinarität und Praxisbezug in den Studiengängen zu verankern. Durch das ZHQ moderiert und methodisch begleitet haben Studiendekan:innen zentrale Kriterien für die FH Aachen herausgearbeitet, mit praktischen Beispielen hinterlegt und im Ergebnis einen Self-Assessment-Fragebogen entwickelt, der allen Studiengängen der FH zur Selbstreflexion und Inspiration dient.
Dem Wunsch der Studiendekan:innen entsprechend, wird der Fragebogen heute systematisch zur Vorbereitung von Curriculumsentwicklung und Studiengangsevaluation eingesetzt und seine Ergebnisse werden in regelmäßigen Diskursen mit dem Rektorat aufgegriffen. In all diesen vom ZHQ begleiteten Formaten wird bewusst auf wirkungsvollere Diskurse in Präsenz gesetzt, auch beispielsweise dann, wenn Studierende in einer Fokusgruppe gemeinsam die Stärken und Entwicklungspotenziale ihrer Studiengänge als Beitrag zur Studiengangsevaluation ausmachen.
Um die Lehre weiterentwickeln zu können, werden Lehrende wieder zu Lernenden: Beim Workshop zum Thema “Climate Fresk” gehen die Teilnehmenden – vor allem Professor:innen – um einen Tisch herum, sie diskutieren, verschieben Karten, malen Pfeile und Kästchen. Ihr Ziel: den Klimawandel verstehen, oder zumindest den mannigfachen Zusammenhängen und Wechselwirkungen auf die Spur kommen; in der Folge wollen sie diese Erkenntnisse in die eigene Lehre und Forschung an der FH einfließen lassen. Das Thema Klimawandel ist schlecht greifbar, aber die Folgen globaler Erwärmung sind allgegenwärtig. Wie macht man das Thema “begreifbar” – und somit auch vermittelbar? In mehreren Runden sind die Workshopteilnehmenden gefordert, die Karten so anzuordnen, dass Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge klar werden. Am Anfang – bei wenigen, einfachen Karten – fällt das noch leicht; spätestens wenn alle Karten auf dem Tisch liegen, ist klar, dass es keine einfachen Erklärungen bei diesem Megathema gibt.
Angeboten wird der Workshop von der Climate-Fresk-Initiative, das ZHQ hat dafür gesorgt, dass Lehrende aller Fachbereiche teilnehmen können. Die Organisatorin Imke Minrath erklärt: “Wir möchten den Lehrenden Werkzeuge an die Hand geben, um das Thema Nachhaltigkeit in die Lehre einzubinden.” Climate Fresk verfolgt einen zweifachen Ansatz – es geht um Wissen und es geht um Methoden. Miriam Barnat erläutert: "Die Methode basiert auf einem kollaborativen Lernsetting und profitiert stark von realen physischen Begegnungsräumen, die kreativen Austausch und tiefere Diskussionen ermöglichen."
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Neue Methoden, reale Aufgabenstellungen
Wie neue Lehr- und Lernmethoden aussehen können, zeigt die interdisziplinäre Summerschool zum Thema “Design Thinking meets Social Impact”, die die FH im August in Kooperation mit dem Khayelitsha Community Hub (Kapstadt, Südafrika) im FH-Gebäude am Boxgraben ausrichtete. Die Studierenden entwickelten in der einwöchigen Summerschool mit der Design-Thinking-Methode ein Angebot für den Hub, das Wirtschaft und Tourismus vor Ort nachhaltig stärken soll. Eine Gruppe erarbeitete ein Marktkonzept, um lokale Produkte und Dienstleistungen zu vermarkten, die andere entwarf eine Website. Die konkrete Arbeit an einem Prototyp und das direkte Feedback der Gruppe sind entscheidende Bestandteile des Konzepts.
Rund 2,4 Millionen Menschen leben im Township Khayelitsha, das rund 30 Kilometer vom Stadtzentrum Kapstadts entfernt ist. Die Bedeutung des Tourismus nimmt zu; aktuell besuchen rund 300 000 Menschen jährlich das Gebiet. Zu Beginn der Summerschool setzten die Studierenden sich intensiv mit den Gegebenheiten vor Ort auseinander. Siyanda Sopangisa war aus Kapstadt an die FH gekommen; er erklärte, was der Community-Hub macht; beispielsweise gibt es Umweltprojekte zur Säuberung der Gewässer und zum Gemüseanbau sowie Webstühle, mit denen Kleidungsstücke hergestellt werden. Zukünftig soll der Hub auch Tourismusangebote bündeln, von geführten Touren über Kulturangebote bis hin zu Übernachtungsmöglichkeiten.
An der Summerschool nahmen 13 Studierende aus unterschiedlichen Fachbereichen der FH teil. Das Besondere an diesem Format ist, dass es Elemente des Design-Thinking mit einer realen Aufgabenstellung verknüpft. In einem kreativen Prozess werden verschiedene Methoden zur Ideenfindung und Prototypenentwicklung eingesetzt, um innovative Lösungen zu entwickeln – interdisziplinär und praxisnah.
Dieser Ansatz – der unter den Oberbegriff transformative Lehre fällt – ist so vielversprechend, dass Josef Rosenkranz und Miriam Barnat die Summerschool intensiv begleiten. “Wir möchten interdisziplinäre Arbeit schon zu einem frühen Zeitpunkt in den Curricula der Bachelorstudiengänge verankern”, betonen sie. Die Lehr- und Lernbedingungen seien im Wandel; es gehe verstärkt darum, Wissen praktisch anzuwenden und auszuprobieren. „Das ist eine andere Art des Lernens, und dafür brauchen wir ein neues Verständnis von Lehre.“ Diese Haltung müsse in der Hochschule verankert werden.
Weil solch innovative Lehrformate auch neue Formen der Evaluation benötigen, wurde im ZHQ ein hochschulübergreifendes Projekt forciert, das den Raum für einen Diskurs darüber eröffnet. Gefördert durch die Stiftung für Innovation in der Hochschullehre (StIL) konnten zwei überaus erfolgreiche Konferenzen organisiert werden, eine mit Fokus auf ko-kreative Elemente in Evaluation und QM 2024 an der FH Aachen und eine mit Fokus auf die Evaluation im Kontext einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) 2025 an der HS Bonn-Rhein-Sieg.
Beraten und forschen
“Alles, was die Präsenzhochschule ausmacht, stärkt gutes Lernen”, betont Miriam Barnat. Das ZHQ berate Lehrende – sei es durch Workshops, individuelle Beratung oder die gemeinsame Entwicklung neuer Lehrkonzepte. Eines sei dabei besonders wichtig: “Wir können Forschungsergebnisse dazu liefern, was in der Lehre tatsächlich wirksam ist. Einerseits haben wir den breiten Überblick über hochschuldidaktische Entwicklungen, andererseits können wir zu konkreten Fragen vertieft recherchieren. Und wir unterstützen Lehrende gerne dabei, auch ihre eigene Lehre systematisch zu beforschen.”
Und schließlich steht die Hochschule auch vor der Herausforderung, mit einer Neugestaltung der Räume auf veränderte Lehr- und Lernbedingungen zu reagieren. Die Hörsäle sind oft noch auf die alte Logik der Vorlesung zugeschnitten: frontale Wissensvermittlung statt Interaktion. Josef Rosenkranz unterstreicht: “Die Idee der Präsenzhochschule gibt uns einen klaren Auftrag: Räume und Settings zu schaffen, die Kommunikation erleichtern, Bewegung erlauben und Begegnung fördern.”
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FH-Aachen
Raum 05010
52066 Aachen