Krisen meistern, Märkte verstehen Wenn der Hörsaal zum Energiemarkt wird
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Plötzlich ist es still im Raum. Auf den Bildschirmen flackert eine Eilmeldung: Ein schweres Erdbeben hat Japan erschüttert – das Atomkraftwerk Fukushima ist vom Tsunami betroffen. Die Energiemärkte spielen verrückt, Preise explodieren. Kommunikationskanäle laufen heiß. In dieser Situation müssen Strategien umgeworfen und Entscheidungen schnell getroffen werden. Das kann die Energiefachleute im Zweifel viel Geld kosten. Einen Moment fühlt es sich an wie die Realität – es ist aber Übung mit Tiefgang: das Planspiel EnergyNext.
“Es fühlt sich sehr real an”
Wie fühlt sich „Markt“ an? Wie kann man die Abläufe in einer Firma realitätsnah erleben, wenn jede kleinste Entscheidung überlebenswichtig sein kann? Genau das möchte Prof. Dr. Jörg Borchert, Professor für Energiewirtschaft am Fachbereich Energietechnik der FH Aachen, mit dem Planspiel für seine Studierenden erreichen. Dazu bedient er sich einer PC-gestützten Software, in der die Studierenden gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen unterschiedliche Rollen des gesamten Energiemarktes besetzen. Das Spiel deckt den Zeitraum der letzten zwanzig Jahre ab – eine Zeit, in der sich der Energiemarkt stark gewandelt hat. In insgesamt zehn Teams bilden die Teilnehmenden große Kraftwerksbetreiber, Stadtwerke oder Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien ab. Auch die Bank und die Regierung, die Gesetze erlässt, sind vertreten. “Es fühlt sich sehr real an”, erzählt Borchert, “die Bedingungen sind super dynamisch, die Teams müssen wirklich anpassungsfähig sein und zügig Entscheidungen treffen.”
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Problem-based Learning
Das Planspiel folgt dem Modell des Problem-Based Learning: Die Studierenden bearbeiten reale oder realitätsnahe Probleme selbstständig und im Team. Das Ziel ist, durch eigenständige Problemlösung fachliche Inhalte, Methodenkompetenz und Soft Skills zu entwickeln. Weg vom schnöden Frontalunterricht, hin zum dynamischen Lernspiel. “Man hat sich schon richtig reingehängt und wollte auch gewinnen. Der Reiz war vor allem der Wettbewerb gegen die anderen”, erzählt Christian Tschörner, Student im Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen – Nachhaltige Energiesysteme. “Dass alle in einem Raum sind, man sich austauscht und auch mal lauschen kann, was andere gerade diskutieren, war total spannend”, ergänzt Johannes Storz, Masterstudent im Fach Energiewirtschaft und Informatik. Beide Studenten hatten sichtlich Spaß an dem Planspiel, sehen aber vor allem die praktische Anwendung als Vorteil. “Dass man Dinge mal diskutiert und vielleicht auch einfach mal ausprobiert, ist bei dieser Art von Lehre essenziell”, ergänzt Prof. Borchert.
Kontakt zu den Unternehmen
Neben den Studierenden nehmen auch Unternehmensvertreterinnen und -vertreter an dem Planspiel teil. “Für unsere Stiftungsunternehmen ist das eine gute Möglichkeit, mit den Studierenden in Kontakt zu kommen und die Fachkräfte von morgen kennenzulernen”, erklärt Jörg Borchert. Nancy Radermacher ist eine der Unternehmensvertreterinnen. Sie ist Consultant bei der Kisters AG in Aachen. “Für uns ist der Kontakt zu den Studierenden total wichtig. Bei so einem Planspiel kommt man eher beiläufig ins Gespräch und lernt sich eher nebenbei kennen – das finde ich toll”, erzählt sie. Das senke die Hemmungen und biete einen viel besseren Einblick in die Arbeitsweise des Unternehmens. Das bestätigt auch Johannes, der die Mischung von Studierenden und Unternehmen als sehr angenehm empfand: “Das war keine Werbeveranstaltung. Man hat sich nett und auf Augenhöhe unterhalten, ganz ohne Druck”. Auch Kaja Faustmann, Personalerin bei der STAWAG, war gerne Teil eines Teams beim Planspiel: “Es ist immer spannend zu sehen, wie die Studierenden an die Sache rangehen und strategisch vorgehen. Da wir alle zusammen in einem Raum sind, kann man die Spannung förmlich greifen.”
Auch in Zukunft sollen Planspiele weiter Bestandteil der Curricula des Bachelor-Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen – Nachhaltige Energiesysteme sowie des Master-Studiengangs Energiewirtschaft & Informatik sein. “Ich halte das für sehr wichtig. Auch der frühe Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern ist super und zeigt den Studierenden schon früh mögliche Berufswege auf”, bestätigt Prof. Borchert. “Ich hätte mir das damals während meines Studiums gewünscht und bin gerne auch beim nächsten Mal wieder mit dabei”, sagt Radermacher. In den Studienalltag bringt es darüber hinaus eine schöne Abwechslung. “Es ist einfach so ganz anders als ein Seminar oder eine Vorlesung”, findet Johannes, “und man kann kaum besser lernen, die gelernte Theorie in der Praxis anzuwenden.”
FH Aachen | Arnd Gottschalk
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