Ein Traum für jeden Mechaniker Niklas Hoffmann hat in der Mechanischen Werkstatt am Campus Jülich eine Ausbildung gemacht – heute kümmert er sich um Dampflokomotiven bei der Selfkantbahn
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Sie faucht, sie zischt, sie qualmt, und manchmal ist sie nicht ganz dicht – kein Zweifel, „Haspe“ lebt. Die 70 Jahre alte Dampflokomotive ist ein Traum für alle, deren Herz für Mechanik schlägt – genau so jemand ist Niklas Hoffmann. Von 2015 bis 2018 absolvierte er eine Ausbildung in der Mechanischen Werkstatt am Campus Jülich, in seiner Freizeit arbeitet er bei der Selfkantbahn. Bei einem Besuch in der Werkstatt in Gangelt-Schierwaldenrath zeigt er, was er dort macht.
„Bei meiner Ausbildung in der Werkstatt in Jülich habe ich unglaublich viel gelernt. Das kann ich hier einsetzen“, erzählt er. Der 29-Jährige ist ein echter Allrounder – er kümmert sich bei der Selfkantbahn um den Unterhalt der Lokomotiven und ist auch selbst als Lokführer unterwegs. Betrieben wird die Museumsbahn von der Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr (IHS), mit 500 Mitgliedern einer der größten Vereine seiner Art. Seit 1971 fährt die IHS mit historischen Zügen über die rund 5 Kilometer lange Strecke zwischen Schierwaldenrath und Gillrath, ein Überbleibsel der einstigen Geilenkirchener Kreisbahn.
Einsatz im Regeldienst
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Die Lok “Haspe” muss an diesem Tag für den Einsatz vor dem Museumszug vorbereitet werden. “Ein ganz wichtiger Punkt ist die Schmierung der Achslager”, erzählt Niklas. Die Lok mit der Nummer 20 wurde 1956 von der Lokomotivfabrik Jung in Jungenthal (Sieg) gebaut, sie kam bei der Werksbahn der Klöcknerhütte in Hagen-Haspe zum Einsatz. Im Zuge der Stilllegung der Hasper Hütte 1972 kaufte die IHS die Lok. Die “Haspe” wird an den Wochenenden im Regeldienst eingesetzt; unter der Woche kümmert sich ein großes Mechanikteam um die Lok. “Eine Dampflokomotive ist Mechanik pur; an einer Dampflokomotive gibt es nichts, was ein guter Mechaniker mit dem geeigneten Werkzeug nicht reparieren kann”, sagt Niklas Hoffmann.
Hoher Praxisanteil in der Ausbildung
Das Rüstzeug für seine Arbeit mit dem historischen Material hat er bei seiner Ausbildung zum Feinmechaniker am Campus Jülich bekommen. Walburga Hüllenkremer war damals seine Ausbilderin, sie ist beim Besuch in Schierwaldenrath dabei. “Du musst es mal gemacht haben, um es zu verstehen”, sagt sie. Der praktische Anteil in der Ausbildung sei sehr hoch. Eine weitere Gemeinsamkeit der Hochschulwerkstatt und der Lokwerkstatt gibt es: “Man macht sich überall die Finger dreckig”, lachen beide.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Ein neuer Kessel kostet 160.000 Euro
Niklas Hoffmann nimmt uns mit in eine der Werkstatthallen. Dort steht “meine Lok”, wie er mit einem Leuchten in den Augen sagt. Die “Regenwalde” trägt die Nummer 5, sie wurde im Jahr 1930 bei Borsig in Berlin für die Regenwalder Kleinbahn AG gebaut. Von 1990 bis 2008 war sie bei der Selfkantbahn regelmäßig im Einsatz, bis ein defekter Kessel sie stoppte. Bei einer gründlichen Untersuchung sei klar geworden, dass auch das Fahrwerk reparaturbedürftig war. “Wir bauen die Lok komplett neu auf”, berichtet er. Auch dabei zahlte sich der enge Kontakt zur FH-Werkstatt aus – die neuen Achslagerschalen für die “Regenwalde” wurden am Campus Jülich gefertigt. Beim Neuaufbau der Lok wurden die Mechaniker zu Forschenden: Im Dresdener Staatsarchiv stießen sie auf die Originalbaupläne von Borsig – "die hätten wir früher gebraucht", sagt Niklas Hoffmann. Der Neuaufbau der „Regenwalde“ ist bereits weit vorangeschritten, vor dem Team liegt aber noch viel Arbeit – zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2030 soll Nummer 5 wieder über die Gleise der Selfkantbahn rollen.
In der nächsten Halle steht ein weiteres Schmuckstück, die Lok 101 mit dem Namen "Schwarzach". Auf den ersten Blick wird klar, wo die Herausforderung liegt: Die Lok steht ohne Kessel da. “Ein neuer Kessel kostet rund 160 000 Euro”, erläutert Niklas, auch für einen großen Verein wie die IHS ist das schwer zu stemmen. Seit 2011 ist er bei dem Verein, die Leidenschaft für Eisenbahn hat er von seinem Vater geerbt. Inzwischen ist er als Beisitzer auch Mitglied des Vorstands. Das ehrenamtliche Engagement liegt ihm am Herzen – rund 10 Stunden pro Woche verbringt er auf dem Gelände der Selfkantbahn.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Die Bahn nahm 1900 ihren Betrieb auf, die Gleise führten von Geilenkirchen nach Tüddern und nach Alsdorf. In der Blütezeit nutzten rund 1,1 Millionen Fahrgäste pro Jahr das Angebot. Im Jahr 1960 stellte die GKB den Personenverkehr ein, der Güterverkehr lief noch bis 1970. Dem Enthusiasmus einiger Eisenbahnfreunde war es zu verdanken, dass die Bahn nicht komplett abgebaut wurde, sondern zumindest auf einem Teilstück für den Museumsbetrieb erhalten blieb.
Der Rundgang über das Gelände führt uns an weiteren Schätzen vorbei, etwa an der V11, einer kleinen Diesellokomotive, die schon zu Zeiten der Geilenkirchener Kreisbahn über die Gleise im Selfkant rollte. Nach Ende des Betriebs wurde die Lok nach Togo verkauft, wo sie viele Jahre lang ihren Dienst leistete. Ein Mitglied der IHS entdeckte sie 1999 bei einem Besuch vor Ort, mit viel Aufwand wurde sie zurück in die Heimat geholt. Noch ist die V11 nicht fahrbereit – das Flüssiggetriebe ("eine technische Besonderheit", schwärmt Niklas) streikt.
Unser Rundgang endet bei der “Haspe”. “Wollt ihr ein Stück mit ihr fahren?”, fragt Niklas. Er demonstriert, wie die Lok bedient wird, und Walburga Hüllenkremer steuert sie über das Bahnhofsgelände, mit einem strahlenden Lächeln, das wohl nur eine Dampflokomotive auf das Gesicht der begeisterten Mechanikerin zaubern kann.
FH Aachen | Arnd Gottschalk
Mehr Informationen:
Autor
FH-Aachen
Raum 05010
52066 Aachen