Neu bauen, umbauen, anders nutzen Interview mit Kanzler Volker Stempel

"Die letzten Jahre haben eine rasante Entwicklung mit sich gebracht", sagt Volker Stempel. Der Kanzler der FH Aachen verweist auf Digitalisierungsschub und Coronakrise, auf mobile Arbeit und Onlinelehre. Die Basis für die Arbeit in der Hochschule, in Lehre und Forschung wie in der Verwaltung, sind und bleiben die Gebäude. Wie aber kann der Wunsch nach modernen Lehr- und Lernwelten, nach dynamischen Veränderungen baulich umgesetzt werden?

Zeitaufwendiger Prozess

Wenn etwas in Stein gemeißelt ist, wenn etwas fest steht, dann sind es Immobilien. "Der Bau neuer Gebäude nimmt viel Zeit in Anspruch", betont Stempel, "wir nehmen jetzt die Bauten in Betrieb, die wir vor fünf bis zehn Jahren geplant haben." Das bedeute auch, dass Nutzungskonzepte und Raumzuschnitte aus der ersten Phase eines Bauprojekts bei dessen Fertigstellung von den rasanten Entwicklungen möglicherweise überholt worden seien.

Nutzfläche fast verdoppelt

Insgesamt sei die Hochschule stolz auf die Baubilanz. "In den letzten 15 Jahren haben wir die Nutzfläche der Hochschule fast verdoppelt", sagt der Leiter der Hochschulverwaltung, "wir haben es geschafft, den Zuwachs an Studierenden und Mitarbeitenden gut unterzubringen." Immerhin sei die Zahl der Studierenden in diesem Zeitraum um mehr als 80 Prozent angestiegen. Vor allem sei es der Hochschule gelungen, neue Labore auf dem aktuellen Stand der Technik einzurichten: "So etwas wie den Allradrollenprüfstand oder das Aachener Zentrum für Holzbauforschung hat keine andere Hochschule in Nordrhein-Westfalen. Damit sind wir in der Lage, praxisorientiert zu lehren und zu forschen." Die FH Aachen habe jede Möglichkeit genutzt, innovative Labore zu schaffen.

Sportgelände am Campus Jülich

Studierende wie Mitarbeitende der FH verbringen einen großen Teil ihrer Zeit an den Hochschulstandorten. Ziel der Hochschulleitung ist es, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Gelungen sei dies bereits am Campus Jülich, der in den nächsten Jahren sogar ein eigenes Sportgelände bekommt – auch das könne keine andere FH im Land vorweisen, so Stempel. "In Jülich entsteht ein echter Campus. Von Hörsälen, Seminarräumen und Laboren über Bibliothek, Mensa und Wohnheime bis hin zum Sportzentrum haben wir bald ein umfassendes Angebot." Im nahe gelegenen Brainergy Park gibt es zudem ein eigenes Gründungs- und Innovationszentrum. Geplant ist darüber hinaus, auf dem Gelände des alten Gebäudes am Ginsterweg weitere 2000 Quadratmeter zusätzliche Fläche für Lehre und Studium zu schaffen.

 

 

Neue Nutzungen ermöglichen

Für den Campus Eupener Straße gibt es ebenfalls Überlegungen, wie das Angebot für Studierende und Mitarbeitende optimiert werden kann. Dort ist die Hochschule – auch das eine Besonderheit – nicht nur Mieterin, sondern auch Eigentümerin einiger Bauten. "Es ist denkbar, dass wir Gebäude umbauen und neue Nutzungen ermöglichen", erläutert der Kanzler. Dies sei beim Gründungszentrum an der Eupener Straße bereits beispielhaft umgesetzt worden. Gleiches gelte für die Hörsäle im C-Gebäude – in den Räumen waren früher Produktionsstätten von Philips untergebracht.

Großprojekt am Boxgraben

Oft ist der Umbau bestehender Gebäude aber nicht auf eine gute Idee, sondern auf die schiere Notwendigkeit zurückzuführen. Ob Asbestbelastung, undichte Fenster oder fehlende Barrierefreiheit – "der Sanierungsstau an NRW-Hochschulen wird auf mehrere Milliarden Euro taxiert", sagt Stempel. Auch die FH hat ein "Sorgenkind": Der Gebäudekomplex zwischen Boxgraben und Stephanstraße, in dem der Fachbereich Gestaltung, aber auch Räume des AStA, des Archivs und des Fachbereichs Luft- und Raumfahrttechnik untergebracht sind, muss aufwendig saniert werden. Die Kosten dafür belaufen sich auf 130 Millionen Euro. Der Fachbereich Gestaltung wird für einige Zeit ein Ausweichquartier am Europaplatz beziehen; das gesamte Projekt wird mindestens zehn Jahre in Anspruch nehmen. "Das wird eine Mammutaufgabe", sagt Volker Stempel, auch weil der Boxgraben eine besondere, kreative Atmosphäre habe.
 

Finanzierung

Apropos Geld: Zu einem großen Teil werden die Bauprojekte der Hochschule aus Landesmitteln finanziert. Stempel verweist etwa auf das Beispiel Sportbau Jülich. Dieser soll 26 Millionen Euro kosten, von denen 20 Millionen Euro direkt vom Land bezahlt werden. Selbst die verbleibenden 6 Millionen Euro Eigenanteil würden aus zweckgebundenen Bauzuschüssen des Landes bestritten. Auch das Bauprojekt in Merzbrück werde komplett außerhalb des Hochschuletats finanziert.

Senkung der Betriebskosten angestrebt

Zum Thema Bauen gehört auch der Betrieb der Immobilien. Die Betriebskosten stellen einen wesentlichen Posten im Etat der Hochschule dar – entsprechend wird nach Wegen gesucht, sie zu senken. "Wir prüfen, ob wir die Lüftungsanlagen optimieren können", sagt Volker Stempel. Dies sei möglich durch eine Optimierung der Steuerungstechnik und ein besseres Monitoring – vereinfacht gesagt, sollen die Anlagen nur dann laufen, wenn die Räume genutzt werden. Auf diesem Weg könne auch der CO2-Ausstoß reduziert werden. "Die Priorität bei unseren Klimaschutzaktivitäten liegt bei der Erzeugung von Energie und bei deren effizienter Verwendung", betont er und verweist auf die Photovoltaikanlage, die bereits auf dem Dach des Gebäudes Bayernallee 9 installiert wurde.

 

Gute Teamarbeit

Die Umsetzung komplexer Bauprojekte – ob Neubau, Sanierung oder Umnutzung – sei nur dank guter Teamarbeit möglich, so Stempel. Dies gelte für die Hochschulverwaltung, aber auch für die gute Zusammenarbeit mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, der viel Erfahrung bei der Umsetzung von Bauprojekten habe. "Das Schwierige ist oft nicht das Bauen selbst", sagt er, oft nehme auch der Abgleich unterschiedlicher Interessen und Wünsche bei den einzelnen Nutzungsgruppen innerhalb der Hochschule viel Zeit in Anspruch.

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