FH Team bei der Railway Challenge Studierende bauen eine Lokomotive und treten damit bei einem internationalen Wettstreit an

Chaos. Auf der linken Seite wird gelötet, auf der rechten Seite gesägt. Auf dem Boden steht ein Stapel Pizzakartons, 1,5 Meter hoch, direkt daneben führen schmale Gleise quer durch den Raum. Menschen laufen, tragen, kleben. Von der Decke hängt ein kleiner Union Jack des Vereinigten Königreichs. Darunter ein Whiteboard, auf dem geschrieben steht: Noch 14 13 12 11 10 Tage bis zur Railway Challenge!

Wir befinden uns im Schienenfahrzeugtechnik-Labor des Fachbereichs Maschinenbau und Mechatronik, im Untergeschoss des 2022 eröffneten Kompetenzzentrums Mobilität der FH Aachen (KMAC). Auf mehr als 4000 Quadratmetern Nutzfläche werden im KMAC die Lehr- und Forschungsaktivitäten der FH im Bereich Mobilität gebündelt.

"Am Ende, auf den letzten Metern, kommt alles zusammen“, erklärt Andreas Banse das Chaos im Labor. Er ist einer der beiden Teamleiter von "FH2Rαil", dem Railwayteam der FH Aachen. "Wir bauen eine Lok, die verschiedene Ansprüche erfüllen muss, um dann bei der Railway Challenge gegen Teams aus ganz Europa anzutreten." 25 Studierende haben acht Monate lang eine Lok von Grund auf neu konzipiert und gebaut – und das, obwohl die Vorgängerlok sowohl 2019 als auch 2022 den Sieg einfahren konnte. Die Anforderungen der Challenge ändern sich in jedem Jahr, dadurch kann sich niemand auf den bisherigen Leistungen ausruhen. Zeitgemäße Anforderungen wie Energieeffizienz und -rückgewinnung, automatisierter Fahrbetrieb und Lärmminderung werden in den Wettbewerb integriert. "Wir denken jetzt schon in die Zukunft und bauen die Lok nach Vorgaben für 2024 und 2025", erklärt Anton Abel, zweiter Teamleiter und zuständig für das strategische Vorgehen. Bisher besteht das Konstrukt aus zusammengeschraubten Aluminiumprofilen, Platinen, vielen bunten Kabeln, einer Hupe. Dass dieses Gewirr einmal fahren soll, ist schwer vorstellbar.

Carla in England

Zehn Tage später ist das Team auf dem Weg nach Stapleford, England. Die Lokomotive sieht nun auch aus wie eine und hört auf den Namen Carla. Auf einer Miniaturanlage – maßstabsgetreu auf ein Fünftel geschrumpft – findet seit 2012 der europäische Eisenbahnwettkampf statt. Wie adäquat die Nachstellung ist, zeigt sich daran, dass es auch in dieser Größenordnung zu Verspätungen kommt. "Die Fahrten sind nach Fahrplan getaktet", erklärt Lea Richter, Pneumatikerin und Steuerungstechnikerin des Teams. "Wenn es zu einem Ausfall oder einer Entgleisung kommt, muss der Betrieb unterbrochen werden."

Kommunikationsprobleme

Gearbeitet wird natürlich bis zum letzten Moment. Nicht nur das Äußere wurde komplett neu gestaltet, auch die Steuerung und die Elektronik wurden erneuert und die Pneumatik überarbeitet. Bei der statischen und dynamischen Abnahme am Freitag (praktisch der Lokomotiv-TÜV) kommt es überraschend zum Totalausfall. "Es gibt vier Radsatzwellen, jede wird von einem Motor angetrieben. Bei der Abnahme hat nur ein Motor funktioniert, der während der Fahrt überhitzt ist", erläutert Andreas. Heißt: Abschleppen, Nachprüfung! Am Samstag findet der Probelauf statt – und alles klappt einwandfrei; die Lok läuft besser denn je, die Stimmung ist ausgelassen. Aber was sagt man noch gleich über Generalproben?

Bei den Challenges kommt es zu "Kommunikationsproblemen zwischen den Motoren", wie es Andreas ausdrückt, ein Motor fällt aus und Carla kommt mit ihren 1200 Kilogramm langsam an ihre Grenzen. Sie und das Team halten aber tapfer bis zum Ende durch und fahren knapp am Treppchen vorbei auf Platz vier. Unzufrieden ist das Team damit keineswegs. "In diesem Jahr haben wir viele Kinderkrankheiten bewältigen müssen. Die Generalprobe hat schon mal gezeigt, was alles möglich ist", erklärt Maria Lenka Wolter, Leiterin des Softwareteams. Das kann auch Prof. Dr. Raphael Pfaff aus dem Lehrgebiet Schienenfahrzeugtechnik bestätigen, der das Projekt betreut: "Die neue Lok des Teams ist bereits nach den Vorgaben von 2025 gebaut und bietet daher eine gute Grundlage, um im nächsten Jahr wieder weit vorne mitzumischen."

Ein weiter Weg

Informatik, Elektrotechnik, Physikingenieurwesen, Gestaltung, Wirtschaftswissenschaften – unterschiedlichste Bereiche fließen in das Projekt ein, wodurch ein interdisziplinäres Team entsteht und fachbereichs- und hochschulübergreifende Freundschaften zustande kommen. "Wir können ausprobieren, experimentieren und ein Projekt von vorne bis hinten planen und umsetzen. Vor acht Monaten hatten wir eine Idee, jetzt haben wir eine komplette Lok, die – halbwegs zuverlässig – fährt, und vor allem eine Unmenge an Erfahrungen und schönen Erinnerungen", erklären die Teamleiter.

Zurück aus England sind die Gedanken an die nächste Saison nicht mehr fern. Die Voraussetzungen sind gut, das Team und Carla freuen sich aber immer über Zuwachs und Verstärkung. "Gewinnen ist schön, am schönsten sind aber die Zeit, die wir hier zusammen verbringen, und die Erfahrungen, die wir als Team machen", da sind sich alle einig.

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Zauels, Jonas M.A.

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