"Es ist selten zu früh, aber nie zu spät." Photovoltaik und Fernwärme für eine zukunftsfähige Hochschule
FH Aachen | Jonas Zauels
Es ist warm, ein Surren liegt in der Luft, der Zeiger erhebt sich langsam, erreicht die 50, 100, bald 200 Ampere. Michael Gouders steht in der Schaltzentrale der Bayernallee 9 und hat die Leistung der gerade eingeschalteten Photovoltaik-(PV-)Anlage genau im Blick. Trotz bedecktem Aachener Himmel erzeugt die Anlage ausreichend Strom für den Standort; "Fantastisch!"
Einen Monat später steht Michael Gouders wieder in der Bayernallee 9, diesmal im Heizungskeller, und deutet auf die grummelnde Gasanlage, die wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche wirkt: "Das kommt alles raus und schafft Platz für etwas Neues."
Umsetzbare Lösungen
Und warum der ganze Aufwand? Bis 2030 soll Aachen klimaneutral werden, was nur in enger Zusammenarbeit mit den kleinen und großen Betrieben und Institutionen der Stadt funktionieren kann. Um das Ziel zu erreichen, wurde ein Klimastadtvertrag geschlossen. Ihren geplanten Beitrag dafür hat die FH bereits realisiert und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des FH-Gebäudes in der Bayernallee 9 installiert: "Als praxisorientierte Hochschule arbeiten wir immer an umsetzbaren Lösungen für aktuelle und zukünftige Problemstellungen. Das gilt auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit", sagt Volker Stempel, Kanzler der FH Aachen. "Hier liegen fast 600 Photovoltaikmodule mit einer Leistung von 230 Kilowattpeak", erklärt Michael Gouders, der als Projektleiter seit zwei Jahren die PV-Anlage für die FH Aachen erarbeitet. Mit Anne-Sophie Lüttge und Tim Krämer bildet er das Kernteam des Photovoltaikprojekts.
FH Aachen | Jonas Zauels
FH Aachen | Jonas Zauels
FH Aachen | Jonas Zauels
Zustande kam die ertragreichste PV-Anlage auf öffentlichen Gebäuden in Aachen.
Im Jahr können damit 220 000 Kilowattstunden erzeugt werden, was in etwa dem Verbrauch von 50 Einfamilienhäusern entspricht. Der erzeugte Strom wird daher nicht nur für das Gebäude genutzt, auf dem die PV-Module installiert sind, sondern für den gesamten FH-Standort Bayernallee.
Die eigentliche Installation war schnell erledigt, dank langer und gründlicher Planung: "Wir haben zunächst die Potenziale aller FH-Dächer analysiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Flächen auf dem Gebäude der Bayernallee 9 hervorragend eignen", erklärt Gouders. In enger Abstimmung mit dem Rektorat seien die Pläne konkretisiert worden. Von der Wirtschaftlichkeitsanalyse über die Planung der Kabelwege bis hin zur Suche eines geeigneten PV-Anlagen-Lieferanten gab es einige Aufgaben und Herausforderungen zu meistern. "Wir sind nicht nur mit dem Ergebnis überglücklich, sondern auch mit dem Weg dorthin", erklärt Projektkoordinatorin Anne-Sophie Lüttge und betont sowohl die gute Zusammenarbeit im Team als auch mit den externen Partnern. Nicht zuletzt sei auch die Expertise der FH genutzt worden: "Es gibt unheimlich viel Fachwissen an der Hochschule, worauf wir immer wieder zurückgreifen konnten." Nicht nur von Lehrenden, sondern auch von den Studierenden – so sind im Zuge der Planung zwei Bachelorarbeiten entstanden, deren Ergebnisse unter anderem direkten Einfluss auf Anordnung, Größe und Leistung der Anlage hatten.
Blaupause für andere öffentliche Einrichtungen
"Die Solaranlage soll in erster Linie die FH mit grünem und nachhaltigem Strom versorgen, aber auch als Blaupause für andere öffentliche Einrichtungen dienen", erklärt Stempel. Zum Beispiel stieß das Projekt auch schon im Finanzministerium auf Interesse. Dort war neben der schnellen Amortisation der Anlage vor allem die Idee des Bilanzkreises von besonderer Bedeutung. Das bedeutet: Mehrere Gebäude eines Eigentümers im Umkreis von viereinhalb Kilometern können zu einem virtuellen Netzgebiet zusammengefasst werden. Die Bilanzkreisbildung ermöglicht es, mit Energieüberschüssen einer Anlage unmittelbar benachbarte Gebäude zu versorgen. "Genau wie auf den Dächern der FH gibt es auch insgesamt auf öffentlichen Dächern noch viel offenes Potenzial, um einen Beitrag zur Klimaneutralität zu leisten", bekräftigt Stempel.
Das Team um Gouders plant bereits weitere PV-Anlagen auf FH-Dächern. Im nächsten Schritt wird der Campus Eupener Straße ins Visier genommen, wo gleich drei Gebäude bis Mitte 2025 mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet werden sollen. "Und dann geht es am Campus Jülich weiter", erklärt Gouders.
FH Aachen | Jonas Zauels
FH Aachen | Jonas Zauels
"Vieles ist noch ausbaufähig, aber wir sind auf dem richtigen Weg."
Mit der solaren Stromerzeugung allein ist das Klimakonzept der FH Aachen nicht ausgereizt. Zurzeit wird die Gasanlage in Angriff genommen, an ihre Stelle tritt eine CO2-reduzierte Fernwärmeversorgung. "Das spart nicht nur Platz, sondern ist auch noch sehr effizient", erklärt Gouders. Zwischen 90 und 120 Grad Celsius heißes Wasser wird durch gut isolierte Rohre in die Bayernallee geleitet, "da reichen schon 8 Liter pro Sekunde, um den gesamten Standort zu versorgen." Erwärmt wird das Wasser momentan durch Abwärme aus dem Kraftwerk Weisweiler und perspektivisch aus Müllverbrennungsanlagen der Region. Bisher muss zugeheizt werden, was sich in den nächsten Jahren jedoch ändern soll.
Noch rumort es in der Gasanlage – auch bei einer Außentemperatur von 25 Grad Celsius. "Die Kontrolle und Regulierung des Verbrauchs ist ein wesentlicher Bestandteil, um Energie einsparen zu können", erklärt Gouders. "Vieles ist noch ausbaufähig, aber wir sind auf dem richtigen Weg."
Installation der Photovoltaik-Anlage
Autor
Zauels, Jonas M.A.
Ehem. Volontär52066 Aachen