Bauen auf Holz Forschung im neuen Aachener Zentrum für Holzbauforschung

In einer der Klimakammern des neuen Aachener Zentrums für Holzbauforschung (AZH) in Simmerath herrscht immer eine Temperatur von 20 Grad Celsius und 65 Prozent Luftfeuchtigkeit. Hier lagert Birkenholz, bereits fertig zugeschnitten, das von FH-Wissenschaftler:innen in aufwendigen Versuchen auf seine Tauglichkeit als Baustoff geprüft wird. Die konstanten Bedingungen sind unabdingbar, denn die Forschungsergebnisse liefern nicht nur praktisch nutzbare Erkenntnisse für Holzbauunternehmen und Ingenieurbüros, sie sollen auch einen Beitrag zur europäischen Normung leisten.

Gute Lösungen, neue Ideen

Im AZH schafft die FH Aachen hervorragende Bedingungen für die Forschung im Holzingenieurwesen. "Im Bereich des Holzbaus gibt es viele innovative kleine Unternehmen, die gute Lösungen entwickeln und immer wieder neue Ideen haben", sagt Prof. Dr. Thomas Uibel, fügt aber auch hinzu, dass es im Bereich der Forschung und insbesondere der Normung noch große Potenziale gebe.  Das gilt für die Nutzung von Birkenholz, aber auch für andere Bauprodukte wie Brettsperrholz, Furnierschicht- und Dreischichtplatten.

Große Bandbreite in der Forschung

Gemeinsam mit seinen Holzbauprofessorenkollegen Leif Arne Peterson und Wilfried Moorkamp übernimmt Uibel die wissenschaftliche Leitung des AZH, zudem nutzen bereits vier Promotionsstudierende sowie weitere Mitarbeiter:innen des Fachbereichs Bauingenieurwesen die neuen Möglichkeiten. Die Bandbreite der Projekte reicht von der Entwicklung dauerhaft haltbarer Holzbrücken über Wandelemente und mehrgeschossigen Holzbau bis hin zu Kombinationen mit unterschiedlichen Verbindungselementen.

Vier Prüfmaschinen mit moderner Messtechnik

Aber zurück zum Birkenholz: Es wird in die sogenannte Zug-Druck-Spindelmaschine ZDS 600 eingespannt und die Zugfestigkeit ermittelt. Mit bis zu 600 Kilonewton (kN) belastet die Prüfmaschine den Prüfkörper (also das Brett); das entspricht einem Gewicht von 60 Tonnen. FH-Mitarbeiter Markus Duffner erklärt: "Insgesamt haben wir hier vier Prüfmaschinen, die elektronisch gesteuert werden und mit moderner Messtechnik verbunden sind." Die FH-Forschenden können beispielsweise auch Wandelemente aus Holz testen, die eine Fläche von bis zu 6 mal 4 Metern haben. Bis zu 200 Tonnen (2000 kN) Auflast können die vier Vertikalzylinder zusammen aufbringen; neben der vertikalen Tragfähigkeit können auch Horizontallasten von bis zu 60 Tonnen (600 kN) simuliert werden, die etwa bei starkem Wind oder Erdbeben auftreten könnten. Die Messinstrumente erfassen, wie die Holzelemente auf die Belastung reagieren, also wie sie sich verformen und wie der Kraftfluss wirkt. Diese Ergebnisse dienen der Validierung von analytischen sowie numerischen Untersuchungen und bilden somit eine Basis für zukünftige Normen und Zulassungen von Bauprodukten im Holzbau.

"Diaspora des Holzbaus"

Die Bedeutung des Holzbaus für das Bauwesen nimmt immer stärker zu, und die Verwendung von Holz als Baustoff ist längst nicht mehr auf Einfamilienhäuser beschränkt. Trotz einer starken Holzwirtschaft – vor allem in den Mittelgebirgen wie der Eifel – ist Nordrhein-Westfalen "die Diaspora des Holzbaus" (Uibel): Während der Baustoff Holz in Baden-Württemberg und Bayern bereits 35 bzw. 26 Prozent Anteil im Wohnungsbau und rund 30 Prozent im Gewerbebau hat, sind es in NRW 14,8 Prozent im Wohnungsbau und 13,2 Prozent im Gewerbebau. Wenn dieser Anteil gesteigert werden soll, müssten auch andere Holzsorten als Fichte und Tanne berücksichtigt werden – zum Beispiel die Birke.

Holzbau im industriellen Maßstab

Prof. Uibel bekräftigt: "Der Holzbau zeichnet sich durch eine große Innovationsfähigkeit aus. Unter anderem ergibt sich aus der erforderlichen Untersuchung weiterer Holzarten für das Bauwesen ein großes Forschungspotenzial." Ein Beispiel dafür sind Großversuche im Bauteilmaßstab: Auf dem Biegeprüfstand können Holzträger von bis zu 15 Metern Länge geprüft werden, die etwa im gewerblichen Hallenbau zum Einsatz kommen.Wenn man Holz im industriellen Maßstab effizient verwenden will, werden leistungsfähige Fügetechniken benötigt – und das am besten nachhaltig. In seinem Forschungsprojekt untersucht FH-Doktorand Simon Kießling am AZH das Trag- und Verformungsverhalten von Holz-Holz-Verbindungen. "Überwiegend werden heute im Holzbau zwei Verbindungsmethoden eingesetzt, nämlich metallische Elemente oder Klebstoff", erläutert er. In immer mehr Bauprojekten soll aber genau darauf verzichtet werden, nicht zuletzt aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten. Im klassischen Zimmereihandwerk sind formschlüssige Holz-Holz-Verbindungen seit Jahrhunderten bekannt, etwa in Schwalbenschwanzform. "So etwas in Handarbeit herzustellen, ist sehr zeit- und kostenintensiv", betont Kießling. Für den industriellen Einsatz seien neue Fügemethoden nötig. Konkret beschäftigt sich der Forscher mit Balkenschichtholz. Das kommt beispielsweise zum Einsatz, wenn Dachbalken mit großer Spannweite benötigt werden. Drei unterschiedliche Varianten werden erforscht, simuliert und geprüft.

 

Tradition und Innovation

Die Infrastruktur im neuen AZH beschränkt sich aber nicht nur auf die Prüfstände und die Klimakammern. In einer zweiten Halle stehen zwei Abbundanlagen, mit denen die Prüfkörper maßgeschneidert produziert werden können. Davon profitiert auch Simon Kießling: "Wir haben die traditionellen Verbindungsmethoden so weit optimiert, dass wir die Bauteile mit den modernen CNC-Abbundmaschinen automatisiert produzieren können", sagt er. Ergänzt wird die Ausstattung um ein Messlabor mit Trockenöfen. Markus Duffner erläutert: "Nach jedem Versuch nehmen wir Proben aus dem geprüften Holz und ermitteln die Rohdichte sowie den Feuchtegehalt." Auf diese Weise lassen sich weitere Rückschlüsse über den Baustoff Holz gewinnen.

Bezug zur Praxis ist gewährleistet

Im Bereich des Holzingenieurwesens ist die Forschung Gemeinschaftsaufgabe: Vier Mitarbeitende sind bereits als Promotionsstudierende registriert oder planen eine Einschreibung. Die Nachwuchsforschenden profitieren von der Einrichtung des Promotionskollegs (PK) NRW, das FH-Doktorand:innen einen direkten Weg zur Promotion ebnet. Prof. Uibel ist eines der achtzehn professoralen Mitglieder und Mitbegründer der Abteilung Bau und Kultur. Er betont: "Das PK NRW ist ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk, das uns ganz neue Möglichkeiten in der Erforschung innovativer Methoden und Technologien eröffnet."

Und auch der Bezug zur beruflichen Praxis ist gewährleistet: Das AZH befindet sich in direkter Nähe zum Bildungszentrum BGZ der Handwerkskammer Aachen. Die Auszubildenden aus dem Handwerk können sich am AZH über den neuesten Stand der Forschung informieren, umgekehrt nutzt die FH die Infrastruktur des BGZ bei der Lehre. "Der Eifelcampus in Simmerath eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten", sagt Prof. Uibel. "In enger Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft können wir das Bauen mit Holz entscheidend voranbringen."

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